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Deutschland,
lach
doch mal!

Wie Stand-up-Comedy
den Humor im
Land verändert

Wichtig bei Stand-up: einfach machen, selbst wenn die Ideen noch nicht perfekt ausgegoren sind
Text: Bernhard Hiergeist
Fotos: Sebastian Wells

I. GERMANY BOMBS

Eigentlich war Hans Thalhammer das Lachen schon vergangen. Humortechnisch findet er sich 2016 in Deutschland nirgends wieder: Der Karneval liefert die immergleichen Büttenreden, Kabarettisten die immergleichen Mahnungen und im Fernsehen verrichtet das immergleiche Comedy-Personal sein immergleiches Werk. Aber dann lässt Thalhammer sich einen lustigen Knochen wachsen.

Er hat damals Zeit und etwas Geld auf der Seite. Thalhammer ist 33, gelernter Schreiner, hat hier und da gearbeitet und gerade seine eigene Firma aufgelöst. Also macht er erst mal nicht viel: Er sitzt zu Hause in München herum und sieht sich Videoclips von Stand-up-Comedians an. Vor allem auf Englisch. über Youtube oder Netflix holt er sich die Amerikaner und Engländer in die eigene Wohnung. Einen, zwei, viele. Ein Jahr lang, sagt er, sei er nur mit Laptop im Bett gelegen.

Ein lustiger Knochen also. To grow a funny bone, so nennen die Amerikaner das. Thalhammer sieht und analysiert. Warum lachen Zuschauer bei einem Witz und bei einem anderen nicht? Er entwickelt ein Gespür für Gags. Er entdeckt Unterhaltung, die ihn fordert, die ihn abschreckt. Es ist eine neue Welt, und Thalhammer möchte Teil von ihr sein.

Seit Jahren beschäftigt sich Hans Thalhammer mit Stand-up
Woanders sind sie natürlich mal wieder weiter als in München. Thalhammer schaut sich in der Berliner Stand-up-Szene um und überlegt: Lässt sich das nicht nach Bayern übertragen?

Ein enger Keller in der Münchner Maxvorstadt, anderthalb Jahre später. Thalhammer steht im Holzkranich auf einer Bühne, die eher ein Podest ist. Er hat sie selbst in die Ecke gezimmert, keinen Quadratmeter groß. Davor ein kleiner Tresen mit Barkeeper. 50 Menschen sitzen gedrängt im Dunkel. Ja&Weiter heißt die Veranstaltung. Thalhammer steht als Moderator auf der Bühne: einmal, zweimal, fünfzigmal.

Auch beim fünfzigsten Mal erklärt er das Prinzip: Jeder darf auf die Bühne, sieben Minuten lang. Erfahrene Comedians, die an Gags feilen wollen. Oder Leute, die das zum ersten Mal ausprobieren. Thalhammer nimmt das Mikro vom Ständer, schlenkert mit dem Kabel. „Es haben hier schon große Karrieren begonnen. Und manche Karriere war nach einem Auftritt hier auch schon beendet.“ Er bekommt die ersten Lacher. „Ihr werdet sehen: Manchmal ist das gut. Und manchmal ist es weniger gut. Aber ihr gebt den Comedians trotzdem bitte allen Applaus und Respekt dafür, dass sie sich das trauen.“

Der ganze Abend ist eine einzige Wundertüte. Das Publikum weiß nicht, ob es lachen oder peinlich berührt schweigen wird. Egal, wie die Antwort ausfällt: Man hat was zu erzählen.

Vor einem Jahr noch war Ja&Weiter eine von wenigen Gelegenheiten, in München aufzutreten. Heute geht das fast jeden Tag der Woche. So ist das nicht nur in den anderen Großstädten, Hamburg, Köln, Berlin. Ein Netz an Shows legt sich über das Land, auch in Leipzig, Bamberg, Mannheim oder Plettenberg im Sauerland gibt es Veranstaltungen.

Besucher der Stand-up-Show in'Stereo Comedy' Berlin
Künstler wie Hazel Brugger, Felix Lobrecht, Tahnee oder Shahak Shapira sind nicht mehr nur Insidern ein Begriff. In all dem äußert sich ein Kulturwandel: Stand-up wird als Kunstform wahrgenommen. Als Handwerk, das jeder lernen, als Fähigkeit, an der jeder feilen, und als Philosophie, die jeder diskutieren kann.

Wohin der Blick der Szene geht, ist eindeutig: in die USA. Im Mai 2019 hat das deutsche Netflix 207 sogenannte Comedy-Specials im Programm, die meisten von amerikanischen Künstlern wie Bill Burr, Amy Schumer oder Dave Chapelle. Wem das nicht reicht, der schaut sich die Comedians halt live an. Früher machten sie auf ihren Touren einen Bogen um Deutschland. Mittlerweile füllen sie hier Hallen.

Auf Erkundungsreise durch das Land stellt man fest: Stand-up-Comedy verändert, wie in Deutschland gelacht wird. Wo geht es hin mit dem Humor im Land?

Stand-up ist Kunst. Und Philosophie.
Und Handwerk, das jeder lernen kann
Dass eine solche Entwicklung nicht von heute auf morgen passiert, und dass sie schmerzhaft sein kann, lässt sich im Keller des Holzkranich beobachten. Thalhammer hat das Mikrofon an einen mutigen 17-Jährigen übergeben, der nun eines der eisernen Gesetze der Stand-up-Comedy kennenlernen muss: Everybody bombs. Jeder kann und wird auf der Bühne versagen. Jeder wird schlechte Witze wie Bomben über den Zuhörern abwerfen, dass die sich am liebsten im Bunker verkriechen würden.

Die Lüftung wummert leise, darüber ist jedes Husten, jedes Räuspern klar zu vernehmen. Der Typ auf der Bühne verheddert sich in seinen Notizen am Smartphone, dann in seinen Gedanken. Wer empfindlich ist für Stimmungen, bekommt allmählich ein flaues Gefühl im Magen. Stirnrunzeln, irritierte Seitenblicke im Publikum. Die Witze zünden vielleicht bei den Kumpels am Pausenhof. Hier nicht.

Was der junge Mann abliefert, kann man peinlich finden. Aber man muss ihm zugestehen: Das ist schon mutig, verdammt.

Irgendwann sind sieben lange Minuten vorbei, der Comedian geht ab. Höflicher Applaus. Es ist schwer zu sagen, wer erleichterter ist – der Künstler oder das Publikum. Der 17-Jährige übergibt das Mikrofon im Vorbeigehen an Moderator Thalhammer.
Hans Thalhammer moderiert eine Ausgabe seiner Berliner Show 'Wilde Ponys'


„Erster Auftritt“, ruft Thalhammer. „Also sag' mal: Woran lag's?“

Ja, woran lag’s? Im Nachhinein ist das schwer zu beantworten – aber wozu auch darüber nachdenken? Alle bombenden Comedians gleichen einander, jeder gute Comedian ist auf seine Weise gut.

Der Nachwuchscomedian ist inzwischen im Dunkel des Kellers verschwunden. Aus der Menge kommt es verhalten: „Ich hätt' mir das öfter anschauen müssen, besser vorbereiten…“

„Stand-up ist schwer, Vorbereitung ist nicht verkehrt“, sagt Thalhammer. „Aber ich sag dir was: Die Leute wollen lachen. Niemand hier interessiert sich für deine Gefühle.“ Der Moderator kriegt jetzt die Lacher.

Für Stand-up braucht es nicht mehr als Raum und Mikro, hier: 'Stereo Comedy' in Berlin
„Der zweite Auftritt wird ganz anders“, sagt Thalhammer. „Oder eben nicht. Das wirst du dann schon sehen. Es hat ja auch was Gutes: Wenn ihr schlecht seid, erinnert sich niemand an euch.“

Es ist noch kein Bill Burr vom Himmel gefallen, natürlich. Es gilt, die Komfortzone zu verlassen, etwas auszuprobieren und damit vielleicht zu scheitern. Wo soll die Erfahrung denn auch sonst herkommen?

Deutschland hat eine lange Kulturgeschichte des Humors, aber auch ein schwieriges Verhältnis dazu. Bevor man lacht, muss erst einmal geklärt werden, worüber. Kabarett? Oder Comedy? Erst dann macht man sich Gedanken, ob man etwas wirklich lustig findet. Darüber kann man das Lachen schon mal vergessen.

Es war schon mal leichter, witzig zu sein
In den vergangenen Jahren kam noch eine dritte Kategorie hinzu: der satirische Debattenanstoß. Es gibt Humor in Deutschland kaum mehr ohne Beipackzettel, ohne Begleitdebatte im Feuilleton. Darf man Witze über Frauen mit Doppelnamen machen? Darf man wie „Die PARTEI“ als Satire bei Wahlen kandidieren? Darf man Witze über einen AfD'ler machen, dem die Badehose geklaut wurde? Es war schon mal leichter, witzig zu sein.

Humor ist meist nicht mehr als Humor zu haben, sondern als Selbstbestätigung und Abgrenzung. Auf der einen Seite: Witze über die AfD, über Donald Trump oder Ostdeutsche. Auf der anderen: Gutmenschen, „Lügenpresse“, social justice warriors. Das Kabarett müsste in politisch so aufgeheizten Zeiten doch aufblühen, denkt man. Dieser Gedanke aber trügt.

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© Bernhard Hiergeist